Im Januar startete ein neues Forschungsprojekt, in dem Luchsexpertinnen und -experten aus Niedersachsen und Hessen den Luchsen beiderseits der Landesgrenze im Hils, Solling und Reinhardswald auf die Spur kommen wollen. Beteiligt sind der Nationalpark Harz und die Georg-August-Universität Göttingen, die in enger Zusammenarbeit mit dem Hessischen Forstamt Reinhardshagen und den Niedersächsischen Forstämtern Neuhaus, Dassel, Grünenplan und Münden an sorgfältig ausgewählten Orten zahlreiche automatische Wildkameras, sog. Fotofallen, installiert haben, um die heimlichen Waldbewohner mit den Pinselohren abzulichten. Koordiniert wird das Projekt von Dr. Markus Port, Biologe an der Universität Göttingen, und Ole Anders, Luchs-Experte der Nationalparkverwaltung.
„Die ursprünglich vor rund 25 Jahren im Harz ausgewilderten Luchse haben sich inzwischen bis an die Weser ausgebreitet. Bereits 2016 gab es im Solling den ersten Fotonachweis einer Luchsin mit Jungtieren“, berichtet Dr. Roland Pietsch, Leiter des Nationalparks Harz. „Dies zeigt nochmal eindrücklich, das Wiederansiedlungsprojekt im Harz ist ein voller Erfolg und Basis der Luchspopulation inzwischen weit über den Harz hinaus. Luchse, die hier geboren werden, müssen über kurz oder lang abwandern, wenn sie sich ein eigenes Revier erschließen wollen. Insgesamt geht die Ausbreitung von Luchsen jedoch vergleichsweise langsam voran, weil die Tiere sich schwertun, Hindernisse, wie Schnellstraßen oder baumlose Landschaften zu überwinden“, ergänzt Pietsch.
Auf den seither vorliegenden Fotos aus dem Solling sind bislang auch nach wie vor nur wenige Luchse zu identifizieren. Gleichzeitig gibt es aber auch Hinweise auf die Katzen aus dem benachbarten Vogler, der Ahlsburg und dem Hils. „Luchsbeobachtungen finden im Solling und dessen Umfeld immer wieder einmal statt, berichtet Michael Rudolph, Regionaler Pressesprecher der Niedersächsischen Landesforsten. „Unsere Mitarbeiter tragen mit ihren Sichtungen erheblich zum Luchsmonitoring bei. Ein sensationelles Luchs-Foto gelang uns vor zehn Jahren im Forstamt Dassel. Das Tier hatte sich auf einen Hochsitz zurückgezogen, um von dort aus seine Beute zu bewachen. Seitdem liegen uns zahlreiche Nachweise aus den Wirtschaftswäldern der Landesforsten vor. Das neue Projekt rundet diese Sichtungen, Risse und Spuren ab, die Forstleute und Jäger regelmäßig in Südniedersachsen entdecken“.
Im Juli des vergangenen Jahres wurde der vorhandene Luchsbestand im Solling durch die Auswilderung eines jungen Weibchens gestützt. Das Tier war zuvor als Jungtier in einer Waschbärfalle nördlich des Harzes gefunden und danach in einer Wildtierauffangstation wieder aufgepäppelt worden.
Auch im hessischen Reinhardswald werden seit einigen Jahren gelegentlich Luchse gesichtet. Im Herbst 2019 sorgte dort die Beobachtung einer Luchsin für Aufsehen, die offenbar mit ihren noch abhängigen Jungtieren die Weser gequert hatte. Im Verlauf des Jahres 2023 hat HessenForst-Försterin Petra Walter insgesamt 30 stichhaltige Hinweise auf Luchse im Bereich des Forstamts Reinhardshagen zusammengetragen. „Diese Beobachtungen lassen hoffen, dass sich der Luchs den Reinhardswald inzwischen dauerhaft als Lebensraum erschlossen hat“, sagt Holger Pflüger-Grone, Leiter des Forstamtes Reinhardshagen. „Der Luchs ist uns im Reinhardswald sehr willkommen! Er ist ein Sympathieträger für viele Menschen in der Region. Über die Etablierung einer stabilen Population dieses scheuen Waldbewohners würde ich mich besonders freuen.“
In Hessen ist das hessische Landesamt für Naturschutz, Umwelt und Geologie (HLNUG) die für den Luchs zuständige Behörde, welche das Monitoring der scheuen Katzen in den letzten Jahren zum Teil gemeinsam mit der Abteilung Naturschutzbiologie der Georg-August-Universität Göttingen umsetzte. In diesem Jahr soll nun gemeinsam mit den Kolleg*innen in Niedersachsen erstmal ein die Landesgrenze überschreitendes, zwischen den Bundesländern abgestimmtes, systematisches Monitoring durchgeführt werden. Dabei steht die Frage im Mittelpunkt, wie viele Luchse im niedersächsisch-hessischen Grenzbereich leben. Die Tiere können anhand ihrer Fellzeichnungen individuell voneinander unterschieden werden. Das Projekt soll bis mindestens zum Jahresende 2024 fortgeführt werden. Die Daten werden im Rahmen einer Abschlussarbeit an der Georg-August-Universität Göttingen ausgewertet.
Weitere Informationen zum Harzer Luchsprojekt gibt es im Internet unter www.luchsprojekt-harz.de.