Was machen Jugendliche in ihrer Freizeit? Eine nicht ganz alltägliche Antwort geben zahlreiche Schülerinnen und Schüler des Städtischen Gymnasium Steinheim: Sie gehen regelmäßig ins Seniorenheim St. Rochus, um dort mit den Bewohnern zu reden, zu spielen, oder mit ihnen spazieren zu gehen.
Bereits seit vier Jahren besteht an der Schule eine freiwillige Arbeitsgemeinschaft, die ab der Klasse 8 angewählt werden kann. Alle Interessierten treffen sich mit der betreuenden Lehrerin Dorothea Eulering im Seniorenheim, um die Räumlichkeiten und die Bewohner kennenzulernen. Dort wurden sie auch in diesem Jahr wieder besonders freundlich von Susanne Saage und Nina Scholtissek empfangen, die für die Jugendlichen dort die wichtigsten Ansprechpartnerinnen sind. Einige Schülerinnen kannten das Seniorenheim bereits, weil sie selbst dort schon Verwandte besucht haben. Für die meisten von ihnen war es aber der erste Besuch dort.
Berührungsängste gab es keine. Die Freude auf Seiten der Senioren war groß, vor allem als die Jugendlichen spontan ein Lied gemeinsam sangen, das eine Bewohnerin angestimmt hatte. Und schnell ergaben sich auch die ersten Gespräche. Ein Bewohner wollte wissen, wo die Jugendlichen denn herkämen. Als dann klar wurde, dass einer aus demselben Dorf stammte, gab es gleich viel zu erzählen. „Das sind ganz neue Erfahrungen“, sagte der 13-jährige Jonas L. später. Und mehrere stimmten zu: „Es hat Spaß gemacht!“ Alle waren sich einig, dass sie wiederkommen wollen. In kleinen Gruppen sprachen sich die Schülerinnen und Schüler ab und besuchen nun einmal pro Monat an einem freien Nachmittag „ihre“ Senioren.
In einem Workshop „Pflege erleben – einmal die Perspektive wechseln“ hat Marion Eikermann, die als Berufspädagogin für Pflege und Gesundheit am Bildungszentrum der KHWE in Brakel tätig ist, nun bereits zum zweiten Mal eine Gruppe in der Schule darauf vorbereitet, mit welchen Einschränkungen bei älteren Menschen zu rechnen ist und wie die Jugendlichen damit am besten umgehen können. An verschiedenen Stationen konnten die Schülerinnen und Schüler erleben, wie sich Alter „anfühlt“: Besondere Brillen simulierten verschiedene Augenkrankheiten; mittels eines Altersanzuges werden nicht nur alterstypische Einschränkungen der Motorik, sondern auch weiterer Sinne, wie Hören und Sehen erlebbar. So wird bereits das Zuwerfen und Fangen eines Balls zur Herausforderung. An der Demenzstation musste mit Hilfe eines Spiegels gearbeitet werden, was auch bei jungen Menschen das Gehirn fordert, so dass auch einfache Tätigkeiten nicht immer gleich gelingen konnten. Den Umgang mit dem Rollstuhl und Rollator zu üben, machte allen besonderen Spaß. Aber beim Parcourfahren oder bei der Überwindung einer Bordsteinkante wurde bei allem Lachen auch deutlich, welche Herausforderungen der Alltag bietet und welche kleinen Tricks auch manchmal helfen können. „Das ist eine tolle Sache. Wir brauchen dringend Pflegekräfte. Vielleicht kommen durch die AG einige auch dazu, sich später einen Beruf in diesem Bereich auszusuchen“, hofft Marion Eikermann.
Das Interesse bei den Schülerinnen und Schülern ist jedenfalls groß. In diesem Jahr haben sich 20 Achtklässler gemeldet, um an der AG „Paten für das Leben“ teilzunehmen. „Die Jugendlichen verschenken ein wenig von ihrer Lebenszeit, aber sie bekommen auch ganz viel zurück“, ist sich Susanne Saage sicher.
Resultierend aus den körperlichen Einschränkungen des Alters identifizierten die Jugendlichen während des Workshops noch eine weitere: Einsamkeit. Es ist allen Beteiligten ein großes Anliegen, dagegen durch die regelmäßigen Besuche anzugehen.