Niemandes Herr, niemandes Knecht: Der wilde Mann vom Reinhardswald | OWZ zum Sonntag

Veröffentlicht am 20.09.2023 15:39

Niemandes Herr, niemandes Knecht: Der wilde Mann vom Reinhardswald

Das Strufuskreuz markiert den einstigen Tiefenborn - und damit auch die letzte Ruhestätte des sagenhaften Wilddiebs. (Foto: Marc Otto)
Das Strufuskreuz markiert den einstigen Tiefenborn - und damit auch die letzte Ruhestätte des sagenhaften Wilddiebs. (Foto: Marc Otto)
Das Strufuskreuz markiert den einstigen Tiefenborn - und damit auch die letzte Ruhestätte des sagenhaften Wilddiebs. (Foto: Marc Otto)
Das Strufuskreuz markiert den einstigen Tiefenborn - und damit auch die letzte Ruhestätte des sagenhaften Wilddiebs. (Foto: Marc Otto)
Das Strufuskreuz markiert den einstigen Tiefenborn - und damit auch die letzte Ruhestätte des sagenhaften Wilddiebs. (Foto: Marc Otto)

In den dunklen Wäldern hausen wilde Männer. Sagen sprechen nur zu gern von den Jägern, den Wilddieben, den Freischützen – rauen Gesellen und Gesetzesbrechern, gern im Besitz magischer Kräfte, hin und wieder gar mit dem Teufel im Bunde. Frei leben sie und ungebunden wie das Tier im Walde. Manchmal tragen sie magische Gürtel und Tarnkappen, und sie besitzen magische Kugeln, die das Ziel niemals fehlen, handele es sich dabei auch um Tier oder Mensch. Ihre Sagen sind Heldengeschichten und manchmal zugleich auch Schauermärchen.

Sagenhafter Wilddieb

Auch der Reinhardswald beherbergt seinen sagenhaften Wilddieb: Strufus ist der Name, von dem niemand weiß, wie er in die Köpfe der Leute kam. Verortet wird sein Wirken häufig in die zweite Hälfte des 17. Jahrhunderts, als aufgrund des Dreißigjährigen Krieges Hunger und Armut im Lande herrschten. Die Sage ist aber vermutlich sehr viel älter, wurde aber zuvor immer nur mündlich weitergegeben. Der Krieg was eine Zeit, die wie geschaffen ist für die Entstehung heldenhafter Gestalten.

So ist Strufus ein rauer Geselle. Ein Dorn im Auge der hohen Herren, wie es sich für einen Helden des gemeinen Volkes gehört, doch zugleich auch so temperamentvoll, dass der normale Bürger ihm dennoch nicht unbedingt über den Weg laufen will. Nicht ohne Grund lebte Strufus in den Tiefen des Reinhardswaldes, anstatt mit Weib und Kind am heimischen Herd.

Dunkle Augen, dichte Brauen, schwarzer Bart, schnell im Zorne und wild im Gebaren: Der Wilddieb konnte ein Held des kleinen Mannes sein, genauso aber auch ein Kinderschreck.

Vom magischen Gürtel

Wenn eine Sagenfigur die Fantasie beflügelt, werden ihre Taten gern mit magischer Hilfe erklärt. So besaß Strufus einen schweren, mit goldenen und silbernen Platten beschlagenen Gürtel, der ihn unsichtbar machte unter den Zweigen der Bäume, oder er nahm einfach direkt die Gestalt eines Baumes an und narrte so die Verfolger. Bei seinen Gegnern handelte es sich natürlich um die Schergen der Adligen, in diesem Falle die Forstleute, welche im Walde für Gesetz und Ordnung zu sorgen hatten.

Wilddieb forderte den Landgrafen heraus

Was die Wilderei betrifft, muss bedacht werden: In den alten Zeiten gehörte jedes Wild dem ansässigen Herren. Den einfachen Bürgern war die Jagd verboten – oft durften sie nicht einmal die Hasen und Rehe auf ihrem eigenen Feld erlegen, geschweige denn den Hirsch im Wald. Auch auf „Holzklau“ stand Strafe, doch geht es hier natürlich um einen Wilddieb. Strufus jedenfalls jagte, wie es ihm gefiel, und wer ihm wohlgesonnen war, dem brachte er so manches Stück. Dem Landgrafen Philipp, der Hombressen besuchte und hier auf große Jagd ging, soll er einen prächtigen Hirschen förmlich vor der Flinte weggeschnappt haben.

Die Schauergeschichten

Doch wie es gesagt ist, konnte ihm auch der Zorn hochgehen, und er war wild wie die Natur, in der er lebte. So soll er einem frisch erjagten Hirsch das Herz herausgerissen und umgehend hinein gebissen haben – sehr zum Schrecken der Bauern, welche dies mit angesehen hatten und dafür rasch das Weite suchten, denn wüste Flüche und Verwünschungen folgten ihnen auf dem Fuße.

Manche Quellen berichten aber auch, die Schauermärchen von der bestienartigen Seite des Strufus könnten erflunkert worden sein, um andere Jäger vom Reinhardswalde abzuschrecken. Denn „seinen“ Wald, den hatte Strufus gern für sich, und die Dorfbewohner ließen ihm für all das Gute, das er ihnen in den Zeiten des Elends getan hatte, gern seine Ruhe.

Am Tiefenborn verborgen?

Sein Ende fand der Wilddieb, wie es sich ein Freigeist wie er wohl gewünscht haben mag: Im Reinhardswald, nicht auf einem Richtplatz, am Galgen oder gar in einem der vielen Burgkerker, von denen die hiesigen Sagen ja auch hin und wieder erzählen. Von einem jungen Förster namens Martin ist überliefert, dass er den Strufus an einem heißen Sommertag am Tiefenborn antraf. Den Gürtel, daran wurde er erkannt, doch hatte er ihn neben sich abgelegt. Als Strufus den Förster bemerkte, griff er zum Gewehr – doch Martin schoss schneller. Getroffen stürzte Strufus vornüber, und die Quelle des Tiefenborns verschluckte ihn, als solle sein Leichnam von Stund an vor der Welt verborgen bleiben. Förster Martin aber blieb der Gürtel zum Beweis. Später wurde der Tiefenborn mit einer schweren Platte verschlossen, denn unheimlich war es den Leuten, wie es manchmal aus dem Born heraus sprudelte. Obenauf setzte man ihm ein Kreuz aus Stein, dessen Inschrift heute nicht mehr lesbar ist.

Die heutigen Wilddiebe

Die Spur des Strufus führt auch heute noch durch Hombressen. So heißt es im Leitspruch des Ortes „Niemandem Herr und niemandem Knecht/ so war auch Strufus Art/ ein hoher Sinn für Freiheit und Recht/ mit hilfreichem Herzen gepaart!“ Und auf dem Dorfwappen führt man hier stolz das Kreuz, welches die letzte Ruhestätte des Strufus markiert.

Legende lebt weiter

Selbst nach seinem Ableben sorgt Strufus noch für Gesprächsstoff. Wobei, als Sagenfigur ist dies natürlich selbstverständlich. Besser ausgedrückt, auch der Tode hielt ihn nicht davon ab, den Bewohnern des Reinhardswaldes zu begegnen. Treffenderweise sorgte er noch einmal für eine wilde Gruselgeschichte – eine, die man seinem Grab noch heute ansehen kann. So heißt es, dass ein grober Kerl sein Grabkreuz vorfand und dreistigerweise ein Stück aus dem Strufuskreuz schlug, um selbiges für seinen Ofen zu nutzen. Doch der Ofen, nachdem die Steinplatte eingesetzt war, rauchte fürchterlich und unaufhörlich. Von tiefster Furcht ergriffen, brachte der Störenfried das Plättchen zurück, der Ofen tat sein Werk wieder tadellos, und dem Strufus gebührte Friede.

Wie viel Wahres in all diesem steckt, werden auch die klügsten Geister wohl nie ganz sagen können. Fest steht nur, der Reinhardswald war schon immer dicht und dunkel, in Hombressen nennen sich die Einwohner mit Stolz die „Wilddiebe“, und im Tal der Lempe steht ein Kreuz aus Stein, mit einer Kerbe oben drin. Wer aufrichtig sucht, der mag es finden. Kein Schild weist den Weg, wohl aber wissen kundige Führer und Forstleute, wo die letzte Ruhestätte des Strufus liegt.

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