Im Dress eines Boxers steht Schauspielerin Katharina Schüttler (46) ganz allein auf einer leeren Bühne. Die Bühne ist nicht wirklich leer, eine rote Treppenkulisse bildet das Bühnenbild. Aber für ihr Spiel hat sie nur sich selbst. Die gebürtige Kölnerin hat ein Faible für extreme Rollen. Ob im Film, im Fernsehen oder auf der Bühne, Schüttler spielt zumeist Figuren in Ausnahmesituationen. Umso eine Ausnahmesituation geht es auch in ihrer aktuellen Produktion “Prima Facie”, die sie vor zwei Jahren für die Hamburger Kammerspiele entwickelt hat. Das Stück war so überzeugend, dass sie dafür mit dem Theaterpreis Hamburg ausgezeichnet worden ist.
Prima Facie ist eine Justizparabel. Der Begriff findet vor allem im Strafrecht Verwendung und bedeutet “dem Anschein nach” und steht dafür, dass, wenn etwas dem Anschein nach so stattgefunden hat, wie es allgemein in solchen Situationen der Lebenswirklichkeit entspricht, kann man davon ausgehen, dass es auch hier so war, auch wenn es sich im konkreten Fall nicht weiter beweisen lässt.
Die australische Autorin Suzie Miller spricht mit ihrem Erfolgsstück “Prima Facie” genau damit einen Systemfehler an, da Prima Facie im Sexualstrafrecht vor allem die Täter schützt. Wenn es den Anschein hat, dass alles einvernehmlich war, ist eine tatsächliche Vergewaltigung kaum nachweisbar.
Das alles weiß die Topanwältin Tessa Ensler sehr genau. Prima Facie ist die Methode, mit der sie vor Gericht mutmaßliche Täter vor der Verurteilung bewahrt. Doch dann wird sie selbst zum Opfer und obwohl sie weiß, wie das System funktioniert und sie keine Chance hat, geht sie zur Polizei und erstattet Anzeige und macht gewissermaßen stellvertretend für alle Frauen, zu deren Missachtung sie beigetragen hat, das Martyrium am eigenen Leib durch.
Der Theaterabend fing ganz harmlos an, beinah wie eine Vorgeschichte zur TV-Serie Danni Lowinski, doch entwickelte sich im Laufe der zweistündigen Aufführung zu einem fesselnden Justiz-Thriller und alles ohne Personal und Requisiten. Katharina Schüttler gelang es, allein mit Sprache und Gesten auf der leeren Bühne ein großes Kopfkino zu entfalten. Das Stück von Suzie Miller, birgt die Gefahr der Überinszenierung. Gerade weil es ein Ein-Personen-Stück ist und es keine weiteren Impulse gibt, kann man leicht geneigt sein, zu viel in die eine handelnde Person hineinzulegen. Aber Regisseurin Milena Mönch hat sich vor allem darum bemüht, die Geschehnisse nicht auf der Bühne zu zeigen, sondern in die Köpfe des Publikums zu verlagern. Das ist auf jeden Fall gelungen. Am Ende mussten die Theaterbesucherinnen und -besucher zunächst innehalten und von der beklemmenden Handlung zur Würdigung der schauspielerischen Leistung zurückfinden. Schließlich erhoben sich alle von ihren Plätzen und spendeten Katharina Schüttler stehend langanhaltenden Applaus.
Zum Abschluss der Abo-Saison in Beverungen ist am Montag, den 13. April, 20 Uhr, das Figurentheater Bühne Cipolla aus Bremen zu Gast mit “Dr. Fischer aus Genf oder die Bomben-Party”. Der außergewöhnliche Roman von Graham Greene über Habgier, Demütigung und die moralische Verkommenheit der reichen Gesellschaft ist zugleich ein Kabinettstück schwarzen Humors. Da darf man gespannt sein, was das renommierte Figurentheater aus Bremen, das in diesem Jahr sein 15-jähriges Bestehen feiert, aus der Vorlage macht. Auch für dieses Abo-Stück gibt es Karten im freien Verkauf. Weitere Infos und Karten sind im Kulturbüro Beverungen erhältlich unter Tel. 0 52 73 – 392 223 sowie online unter www.kulturgemeinschaft-beverungen.de.