Rund 1000 Besucher beim Via Nova Kunstfest | OWZ zum Sonntag

Veröffentlicht am 04.09.2026 08:55

Rund 1000 Besucher beim Via Nova Kunstfest

Fast eintausend Besucher kamen am vergangenen Wochenende zur Eröffnung vom Via Nova Kunstfest 2026. Das Motto über allen musikalisch-literarischen Veranstaltungen an den drei Wochenenden lautet „Tout Moun Se Moun“, jeder Mensch ist Mensch. Diese Forderung stammt aus dem Sklavenaufstand auf Hispaniola, das nach dem erfolgreichen Ende der Revolution zu Beginn des 19. Jahrhunderts in den ersten unabhängigen Staat Lateinamerikas, in Haiti, umbenannt wurde. Sie besagt, dass kein Menschenleben wichtiger als ein anderes ist und gilt noch heute weltweit.

Welche bedeutende Rolle in der Gesellschaft die Literatur spielt, davon sprach die Autorin Anja Kampmann in ihrer Eröffnungsrede. Erzählen heißt nicht nur erinnern. „In der Stimme, im Erzählen, kann man eine Nähe, einen Klang herstellen, der sich richtet gegen die Härte der Welt, von der sie erzählt. So wie der Gesang meiner israelischen Freundin sich gegen die Verhärtung richtete, die der Krieg (auf beiden Seiten) anrichtete. Dabei steht vor allen politischen Diskursen der Moment des Menschseins, des Menschlichen. Darauf zu beharren ist in Krisenzeiten radikal.”

Die erste Lesung des Kunstfestes galt folgerichtig jenem Sklavenaufstand. Der Schauspieler Martin Wuttke las mit kraftvoller Stimme aus Anna Seghers Erzählung „Die Hochzeit von Haiti”. Er las die Gedanken des Revolutionsanführers Toussaint, der die Vorstellungen von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit auf Haiti umsetzen wollte. In der Freundschaft zwischen ihm, dem schwarzen Haitianer, und dem Erzähler der Ereignisse, dem weißen jüdischen Franzosen Nathan, verbindet Anna Seghers die Kulturen und Religionen Europas, Afrikas und Südamerikas.

Wer anders als das legendäre, aus San Francisco angereiste Kronos Quartett um David Harrington hätte hierzu die passende Musik spielen können? Das Ensemble ist bekannt für sein beeindruckendes Repertoire von zeitgenössischer, neuer und Film-Musik bis Jazz. Eigens für Corvey hatte es ein besonderes Programm zusammengestellt und spielte u.a. eine Komposition der Isländerin Hildur Gudnadóttir, welche von der Sehnsucht nach Menschlichkeit gegenüber Flüchtlingen spricht, und ein Stück der amerikanischen Kultmusikerin Laurie Anderson. Nicht wenige Besucher waren extra für Kronos angereist. Eine Frau verriet, während ihr Mann sich eine mitgebrachte CD signieren liess, mit dieser Live-Begegnung sei ein Lebenstraum wahr geworden. Ein anderer ebenfalls extra angereister Besucher aus Saarbrücken blieb vor Begeisterung gleich das ganze Wochenende: „Unglaublich, solch ein internationales Kunstfest in Höxter zu finden”.

Mit Bussen ging es am Samstagvormittag in das Kloster Brunshausen. In der ausverkauften Klosterkirche las Katharina Thalbach mit ihrer unverwechselbaren rauh-schnoddrigen Stimme aus der Vita der ersten Äbtissin Hathumod, geschrieben von dem in Corvey ansässigen Mönch Agius. Und sie las aus Gedichten der Jüdin Hilde Domin, die eigentlich Hilde Palm hieß, sich aber nach einem Exil in der Dominikanischen Republik umbenannte. Auf dem Büchertisch am Eingang lag ein spezielles Exemplar von „Hathumod” zum Verkauf. Der Leiter des Klosterhofes, Benno Löning, hat die Erstübersetzung von Friedrich Rückert aus dem 19. Jh. für die heutige Zeit überarbeitet und um ein informatives Vorwort ergänzt. „Ich bin auf dem Hof neben dem Kloster aufgewachsen, von frühester Kindheit an war das Kloster ein wichtiger, wenn nicht sogar prägender Teil meines Lebens.” Ursprünglich dachte er das Buch nur als einmaliges Leseexemplar für den Klostergarten, ein hölzerner Lesestuhl steht einladend an jener Stelle, an der man Hathumods erste Wirkungsstätte, ein mittelalterlicher Meierhof, vermutet.

Aus vielen Ländern angereist waren die Mitglieder des in Antwerpen ansässigen Vokalensemble Graindelavoix, geleitet vom Anthropologen und Musikethnologen Björn Schmelzer. Graindelavoix ist international bekannt für seine umfangreichen Recherchen und Entdeckungen in Sachen mittelalterlicher Musik. Ein wunderbarer polyphoner Stimmenklang erfüllte das ganze Kirchenschiff, die sechs Sänger und zwei Sängerinnen brachten ihr Programm „Ex nihilo – Gesang jenseits der Ordnung der Dinge” und u.a. Kompositionen von Josquin Desprez bis Bernardino de Ribera mit. Nach Konzertende landete man aus einer wunderbaren, schwebenden jenseitigen Sphäre wieder auf dem Boden der Realität einer sommerlichen Wirklichkeit im Kloster Brunshausen.

Am Abend gab es im Corveyer Kaisersaal den nächsten Programmhöhepunkt: Andrea Sawatzki las Texte und Gedichte dreier beeindruckender jüdischer Schriftstellerinnen, der Dichterinnen Gertrud Kolmar und Else Lasker-Schüler sowie einen Text der Philosophin Simone Weil. Alle drei werden verehrt für ihre unermüdlichen Forderungen nach Menschlichkeit im Umgang miteinander. Gertrud Kolmar wurde in 1943 Auschwitz ermordet, Else Lasker-Schüler starb, der deutschen Staatsbürgerschaft aberkannt, 1945 im Jerusalemer Exil und Simone Weil starb 1943 an Tuberkulose und Auszehrung nach selbstauferlegter Leidenspflicht. Im Essay von Simone Weil wurde deutlich, dass ohne die Verwurzelung in einer Gemeinschaft, ohne aktives menschliches Handeln, weder Zivilisation noch Menschlichkeit möglich sind. Nicht nur abstrakte Menschenrechte, sondern vor allem die lebenswichtigen Bedürfnisse der menschlichen Seele müssen stets im Mittelpunkt allen Handelns stehen.

Dazwischen erklang die vom Violonisten Nils Mönkemeyer und vom Pianisten William Youn passend ausgewählte, mit großer Leidenschaft interpretierte Musik. Im Duo spielten sie Sonaten von Johannes Brahms, Albert Dietrich und Robert Schumann. Ein beeindruckender Abend, so war sich das lang applaudierende Publikum einig. Eine Besucherin aus Düsseldorf meinte anerkennend, sämtliche ausgesuchten Texte des Festivals seien für sie derart miteinander verbunden, dass am Ende etwas beeindruckend Ganzes entsteht.

Am Samstagvormittag gab es ein Novum beim Via Nova Kunstfest, eine Korrespondenzlesung. Das heißt, ein jeweils lebender Autor stellt einen für ihn wichtigen, bereits verstorbenen Autor vor. Marcel Beyer, bekannt für seine zeitkritischen Romane und Lyrikbände zur Geschichte des 20. Jahrhunderts, widmete sich dem litauischen Autor und Filmemacher Jonas Mekas, speziell dessen zwischen 1944 und 1949 geschriebenen und unter dem Titel „Ich hatte keinen Ort” veröffentlichten Tagebüchern. Mekas zu seinen Tagebüchern: „Ich lese das nicht als mein eigenes Leben, sondern als das einer anderen Person, als wäre das Leid, als wäre die Misere nie meine eigene gewesen. Wie konnte ich das überleben?” Auf allen Stationen - Kriegserfahrungen, Zwangsarbeit in Deutschland, Ankunft in New York - spielen Bücher für die Brüder Jonas und Adolfas Mekas eine lebensrettende Rolle. „Sie suchen nach der Menschenwürde, wie sie, ganz schlicht, in den Büchern liegt, in Büchern abgelagert, gespeichert ist”, sagt Marcel Beyer. Später half ihnen das eigene Filmedrehen und Schreiben. Beide wurden zu zentralen Figuren in der New Yorker Avantgarde-Filmszene und regten den Exilanten Andy Warhol an, ebenfalls Filme zu drehen. Aus diesen Tagebüchern und aus Mekas' dichterischem Hauptwerk, den „Semeniškiai-Idyllen”, las der Burgschauspieler Michael Maertens. Seine beeindruckende Stimme ließ vergessen, dass man in einem Kaisersaal und im 21. Jahrhundert zuhörte, sie entführte in eine ferne und doch so präsente Zeit.

Die korrespondierende Musik dazu kam vom Nasmé Ensemble, vier junge palästinensische Musiker samt Violine, Viola, Klarinette und Klavier, und seinem Leiter, den deutsch-israelischen Violonisten Michael Barenboim. Sie spielten Kompositionen von Antonín Dvořák, Amin Nasser, Robert Schumann und Béla Bartók. Das Publikum spendete lang anhaltenden Zuspruch. Ein Besucher aus Köln fasste hinterher zusammen: „Wie wunderbar, an einem Wochenende Musiker aus Israel und aus Palästina zu erleben. Ich weiß nicht, wo in NRW oder darüber hinaus etwas so Mutiges derzeit geschieht.”

Auffällig war an diesem Wochenende, dass inzwischen auch zahlreiche jüngere Gäste vom Festival angezogen und begeistert werden.

Für das nächste Wochenende (4. bis 6. September) gibt es noch Restkarten für Samstag Abend und Sonntag Vormittag mit den Schauspielerinnen und Schauspielern Luise von Stein, Hanno Koffler und Ulrich Noethen, dem Autor Nico Bleutge sowie den Musikern Fabian Müller, Alban Gerhardt, und Markus Becker. Erwartet werden außerdem Martina Gedeck, Jens Harzer, Marina Galic, Nhlanhla Mahlangu mit ihrem temperamentvollen afrikanischen Ensemble Tlale Makhene und The Tallis Scholars.

Für das letzte Wochenende (11. bis 13. September) sind noch Restkarten für alle Veranstaltungen zu haben.

Informationen zum gesamten Via Nova Kunstfest Corvey unter www.corvey.de.

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