Weimar war nicht nur der Wohnort von Goethe, Schiller und anderen Größen der so genannten Weimarer Klassik. Weimar ist auch der Ort, an dem Deutschland sich erstmals eine demokratische Verfassung gab. Und in Weimar wurde das Bauhaus als künstlerische Bewegung groß, bevor es aufgrund politischen Drucks nach Dessau umzog. Das sind nur drei der bekanntesten Gründe, die thüringische Stadt zu besuchen, die neben 66.000 Einwohnern vier Jugendherbergen und drei verschiedene Arten des Unesco Weltkulturerbes beherbergt. Also machte sich in den späten nordrhein-westfälischen Sommerferien eine Gruppe der „Deutschen Gesellschaft für das hochbegabte Kind – Regionalverein Ostwestfalen-Lippe e.V.“ auf den Weg, eine Woche lang Weimar zu erleben.
Insgesamt 34 Personen, davon 14 Kinder im Alter von 6 bis 13 Jahren, erkundeten von Sonntag bis Samstag in verschiedenen Programmpunkten Weimar. Am Anfang stand bei großer Wärme eine Stadtführung, die einmal den Rundgang durch die historisch lange unbedeutende Kleinstadt machte. Erst infolge der Reformation wurde Weimar zur Hauptstadt des Herzogtums Sachsen-Weimar und zog damit bereits Personen wie Lucas Cranach den Älteren und Jüngeren und Johann Sebastian Bach an. Bei der Führung war die Reisegruppe dabei gut an einheitlichen blauen Schirmmützen mit aufgestickten Namen erkennbar – eine ungewöhnliche Idee für Namensschilder, die bei allen großen Anklang fand und das Gefühl der Zusammengehörigkeit stärkte.
Weimars Strahlkraft erhöhte sich, als Herzogin Anna Amalia und ihr Sohn Carl August es im späten 18. Jahrhundert zu einem Zentrum klassischer Bildung machten, in das sie schließlich den damals noch jungen, aber bereits berühmten Johann Wolfgang Goethe einluden, der dort sein langes Leben verbrachte. Durch ihn im Verbund mit Christoph Martin Wieland, Johann Gottfried Herder und Friedrich Schiller – ein Vierklang, den nach dem Quizabend alle fest im Ohr haben – erlebte Weimar das goldene Zeitalter der Klassik. Spuren dieser Zeit sieht man überall in der Stadt. Ebenso sieht man aber die Spuren späterer und dunklerer Zeiten, etwa den Balkon, auf dem sich Hitler am Hotel Elephant gern zeigte, oder in diesem Sommer sehr eindrückliche Fotografien von Überlebenden des Konzentrationslagers Buchenwald, die großformatig in der ganzen Stadt verteilt waren, und vor allem auch die Aufmerksamkeit der Kinder und Jugendlichen auf sich zogen. In Weimar ist die Spannung von humanistischer Bildung und unmenschlichem Tun allenthalben zu spüren.
Am Montag bot sich dann der Gruppe die Möglichkeit, die Weimarer Klassik nicht nur zu rezipieren und aufzunehmen, sondern selbst tätig zu werden und sie damit umso intensiver zu entdecken. Im zentralen Park an der Ilm treffen formstrenge französische Gartengestaltung und zwangloser englischer Park aufeinander. An Goethes Gartenhaus lässt sich im reich bepflanzten bunten Garten zudem der Stein des guten Glücks bewundern, jedenfalls, wenn man das Glück hatte, an einem Montag von einer netten Gärtnerin in den eigentlich geschlossenen Garten eingelassen zu werden. So konnten auch ein paar Regentropfen der vielfältigen Inspiration keinen Abbruch tun, aus der eigene Naturlyrik der Teilnehmenden in ganz unterschiedlichen Formen entstand.
Ein Besuch der Parkhöhle in der Nähe des Franz Liszt-Hauses – Weimar hatte nach der goldenen Zeit eine silberne mit Liszt, Richard Wagner und Friedrich Nietzsche – sowie eine Stadtrallye, die die Teilnehmenden in Kleingruppen noch einmal durch die ganze Innenstadt führte, intensivierten das Erlebnis der Klassik, das schließlich mit dem Besuch der Anna Amalia Bibliothek einen krönenden Abschluss fand. Diese Bibliothek hat traurige Berühmtheit erlangt, als 2004 während Umbau- und Restaurierungsarbeiten der Dachstuhl brannte und viele Werke entweder durch Feuer oder Löschwasser für immer zerstört wurden. Von diesen Schäden ist zum Glück nichts mehr zu sehen. Vielmehr ist die Bibliothek jetzt ein Ort, der auf unterirdischem Weg einen sehr eindrucksvollen modernen Bibliotheksbau mit der berühmten, vollständig wiedererrichteten alten Bibliothek verbindet. Die schiere Menge der vorhandenen Medien beeindruckt dabei ebenso wie das quadratische Fenster im Neubau, das den Blick auf den Himmel öffnet, und die weiß goldenen Verzierungen des Rokokosaals. Wenn man dann noch ein Buch in den Händen halten darf, das 400 Jahre alt ist, ist das in jedem Fall ein sehr einprägsames Erlebnis. So schrieb eine Teilnehmerin auf die Frage, was ihr Highlight war: „Ich fand die Anna Amalia Bibliothek sehr beeindruckend, dass da so viele alte Bücher noch erhalten wurden.“
Ebenso einprägsam war für manche aber der Abend des Tages mit dem Bibliotheksbesuch, an dem ein Chaos Spiel in der Jugendherberge stattfand. Bei einer gemeinsamen Reise mit anderen Familien mit hochbegabten Kindern und Jugendlichen sind ja der Ort, den man besucht, und die Themen, mit denen man sich an dem Ort beschäftigt, das eine. Etwas anderes, mindestens ebenso Wichtiges sind die Menschen, mit denen man dort ist. So liest man in den Feedbackbögen dazu, was Eltern bei der Studienreise besonders gefallen hat: „die offene Aufnahme in die Gruppe“, „das Zusammensein mit anderen Familien“ und „es war auch sehr schön, dass wir mit den anderen Familien so viel Zeit am Stück verbringen konnten, dass sich Freundschaften entwickeln konnten“. Diese Zeit gab es nicht nur bei den gemeinsamen Unternehmungen, sondern auch beim Frühstück und Abendessen in der Jugendherberge - auch hier ein Zitat aus den Feedbackbögen dazu, was besonders gut war: „die tollen Gespräche beim Essen und am Abend“. Nach einem Kennenlernabend mit Bingo und Personensortieren und einem Quizabend mit Fragen rund um Weimar war das Chaos Spiel, bei dem man ungefähr eine Stunde lang superschnell Zahlencodes in der ganzen Jugendherberge suchte, die man sich merken musste, um auf einem Spielfeld vorzurücken, für manche das Highlight.
Wenn das nun schon nach viel Programm klingt, kann man das uneingeschränkt bestätigen. Die Organisatorinnen, Birgit und Isabel Wiemers, hatten sich ein umfangreiches Programm für eine intensive Woche überlegt. Dass daraus keine Überforderung wurde, ist der guten Planung – sogar eine Probereise gab es im Frühjahr – zu verdanken sowie der Flexibilität und Anpassungsbereitschaft. Auch hier wieder Auszüge aus den Feedbackbögen: „sehr gut, das Team hatte nicht nur den Blick auf das Programm, sondern auf die Menschen“, „Ihr hattet wirklich alle von Klein bis groß mit im Blick“ und „Ich fand es total super [sic], dass jeder in seinem Tempo ankommen durfte, und nicht bedrängt wurde“, „immer mit Blick darauf, was dem anderen Gegenüber guttut“. So gelang eine Woche, die neben vielen Themen vor allem viele Begegnungen ermöglichte, zwischen Kindern untereinander, zwischen Eltern, die auch mal ohne Kinder sein konnten, und zwischen Kindern und Eltern. Das fand in einer offenen Atmosphäre statt, die alle so sein ließ, wie sie sind und sein wollen, in ihrer je eigenen Besonderheit und doch als Teil einer Gruppe.
Diesen Spagat zu schlagen, eine Gruppe zu sein, die aus Individuen besteht, die unterschiedlich sind, in der aber alle gleichermaßen zählen, ist die Aufgabe der Demokratie. Diese Aufgabe stellte sich in Deutschland historisch mit Macht am Ende des ersten Weltkriegs, als 1918 die Weimarer Republik ausgerufen wurde. Dieser Aufgabe widmete sich auch der zweite Schwerpunkt der Freizeit, mit Besuchen im Haus der Weimarer Republik und dem Museum Neues Weimar sowie dem Bauhaus Museum, der Bauhaus Universität und dem Haus am Horn, einem Musterhaus der Bauhaus-Bewegung, das die neuen Designideen einmal in Gänze fassbar machen sollte. Auch hier gab es wieder die Möglichkeiten, Dinge anzusehen und zuzuhören, aber auch zu erleben. Die Rucksacktour „Bauhaus Bag“ führte eine Gruppe quer durch die Stadt, wobei u.a. Treppenhäuser im Stil Wassily Kandinskys beklebt und Masken mit bunten Streifen gestaltet wurden. Mit den Masken liefen die Gruppenmitglieder anschließend durch den Park an der Ilm – in Anlehnung an die bunten Feste, die die Bauhauskünstler*innen in Weimar feierten. Und am Ende der Woche banden alle entweder Notizhefte oder gestalteten eigene Stempel, so dass jede und jeder ein Stück Weimar mit nach Hause nehmen konnte.
Die Freizeit war eine rundum gelungene Veranstaltung, bei der nur das Wetter nicht immer hundertprozentig mitspielte. Eine Teilnehmerin fasst das so zusammen: „Die Weimar-Reise war für mich und meine Tochter eine gleichermaßen tolle wie volle Woche. Die diversen Museumsbesuche, Workshops und Führungen – von Anna Amalia über Goethe bis Bauhaus – brachten viel Neues an Wissen und zahlreiche Impulse, die auch noch Wochen nach der Reise nachwirken. Außerdem habe ich die Begegnungen und die Gespräche mit den anderen Familien sehr genossen. Danke, dass wir dabei sein durften und Nutznießer einer so tollen Planung und Organisation sein konnten! Als alleinerziehende Mutter, die sich sonst immer selbst um alles kümmern muss, weiß ich das ganz besonders zu schätzen.“
Neben der sehr guten Organisation hatten auch die großzügigen Geldgeber ihren Anteil am Gelingen der Veranstaltung, dabei handelte es sich um die Osthushenrich-Stiftung, die Dr. August Oetker Stiftung, die Ingeborg-Gross-Stiftung, den Lions Club Warburg, die Vereinigte Volksbank e.G., Dr. Wolfgang Dick und seine Ehefrau Marlis aus Paderborn und weitere private Spender, sowie die „Deutsche Gesellschaft für das hochbegabte Kind – Regionalverein Ostwestfalen-Lippe e.V.“ selbst. Ihnen allen danken wir herzlich! Ebenso wie der Klassik Stiftung Weimar für die Unterstützung bei der Programmorganisation und der Jugendherberge „Germania” in Weimar für die Freundlichkeit und den guten Service. Wie gelungen das Ganze war, fasst am besten die Antwort eines der Kinder im Feedbackbogen zusammen, das auf die Frage „würdest du noch einmal mitkommen“ schreibt: „AUF JEDEN FALL“.