Sonderausstellung im Museum Schloss Fürstenberg: Porzellan und Erotik | OWZ zum Sonntag

Veröffentlicht am 12.03.2026 12:22

Sonderausstellung im Museum Schloss Fürstenberg: Porzellan und Erotik

Der edle Akt (Foto: C. Warneke)
Der edle Akt (Foto: C. Warneke)
Der edle Akt (Foto: C. Warneke)
Der edle Akt (Foto: C. Warneke)
Der edle Akt (Foto: C. Warneke)

Nackte Körper, zärtliche Umarmungen, provokante Posen: Die europäische Porzellankunst ist voll von erotischen Motiven und Botschaften – und manchmal scheint das Material selbst zu flirten. Die neue Sonderausstellung „Der edle Akt. Porzellan und Erotik“ im Museum Schloss Fürstenberg lädt dazu ein, genauer hinzuschauen. Die Eröffnung der Ausstellung findet am 27. März um 18 Uhr statt.

Seit dem Rokoko sind Erotik, Sexualität und Geschlechterbilder feste Bestandteile der europäischen Porzellankunst. Mal zart angedeutet, mal überraschend deutlich zeigen Figuren und Dekore, wie sehr Lust, Begehren und gesellschaftliche Normen miteinander verwoben waren. Häufig versteckten sich erotische Motive hinter mythologischen Szenen, allegorischen Figuren oder höfischen Liebespaaren – und waren dennoch klar lesbar für ein eingeweihtes Publikum.

Porzellan bot dabei einen besonderen Spielraum: Serien antiker Götter erlaubten das Zeigen nackter Körper, Darstellungen galanter Paare feierten das Ideal der höfischen Liebe, während Schäferszenen diese romantisch verklärten. Beliebt waren auch Theaterfiguren der Commedia dell’arte, die mit Humor und Überzeichnung bewusst gegen höfische Regeln verstießen und Lust als Spiel inszenierten.

Mit dem Ende des 18. Jahrhunderts änderte sich der Blick. Aufklärung und Klassizismus verdrängten die als frivol empfundenen Liebesmotive. An die Stelle galanter Szenen traten strengere Schönheitsideale nach antikem Vorbild. Porzellan verlor in den Augen vieler Kritiker seinen künstlerischen Anspruch und damit auch seine erotische Offenheit.

Der Blick auf das 18. Jahrhundert als „galantes Zeitalter“ entstand erst später, als Porzellan im 19. Jahrhundert verstärkt kunsthistorisch erforscht wurde. Die sinnliche, verspielte Formsprache des Rokoko galt nun als besonders passend für das Material Porzellan und prägte nachhaltig das Bild dieser Epoche. Diese Neubewertung beeinflusste nicht nur die Wahrnehmung des Publikums, sondern auch die Programme der Porzellanmanufakturen. Historische Motive wurden aufgegriffen, weiterentwickelt und mit zeitgenössischen Strömungen wie Jugendstil und Symbolismus verbunden. So blieb die Bildwelt des Rokoko präsent – immer wieder neu interpretiert und bis ins 20. Jahrhundert hinein lebendig.

Die Ausstellung „Der edle Akt. Porzellan und Erotik“ zeigt in vier Ausstellungsbereichen diese Entwicklung ebenso wie die überraschende Vielfalt erotischer Ausdrucksformen im Porzellan: zwischen Andeutung und Provokation, Sinnlichkeit und gesellschaftlicher Konvention.

Körperbilder in der Alten Kapelle

Hier lässt sich verfolgen, wie vom 18. Jahrhundert bis heute der menschliche Körper dargestellt wurde und wird. Die Schönheitsideale jeder Epoche lassen sich dabei ebenso ablesen wie die Vorstellungen von geschlechtlichen Identitäten und damit verbundenen Rollenerwartungen. Bis zum späten 20. Jahrhundert hinaus dominieren dabei die Darstellungen von idealisierten Körpern weißer Menschen aus einer binären, heteronormativen Perspektive. Dieser Ausstellungsteil lädt dazu ein, heutige und auch eigene Körperbilder zu hinterfragen.

Facetten von Lust und Liebe im Gerverot-Saal

Zarte Verliebtheit, inbrünstige Liebe, wilde Ekstase, rasende Lust, todtraurige Sehnsucht – das Begehren kennt eine Vielzahl von Gefühlsregungen. Zwischen Liebesglück und Liebesleid schwankt das Pendel der Lust als zutiefst menschlicher Eigenschaft. In der Vergangenheit bestimmte wiederum der heteronormative und vorrangig männliche Blick die Kunstproduktion. Mit Werken der Gegenwart und jüngeren Vergangenheit wird die Vielfalt der Lust gefeiert.

Materialerotik im Foyer vor der Besucherwerkstatt

Das Wort „Porzellan“ weckt viele Assoziationen – auch mit erotischem Bezug: die „Porzellanhaut“ beschreibt ein Schönheitsideal, als „Porzellanpuppe“ wird ein bestimmter Frauentyp analogisiert. Und warum gilt Porzellan oft sogar als „weibliches“ Material? Doch es geht auch um den praktischen erotischen Gebrauch, wenn daraus Sextoys gefertigt werden.

Sammellust in der Besucherwerkstatt

Das Sammeln lässt sich hocherotisch deuten: die lustvolle Jagd nach einem Objekt der Begierde, die Glücksgefühle beim erfolgreichen Erwerb. Für Siegmund Freud war das Sammeln ohnehin nur eine Kompensation unerfüllter sexueller Wünsche. In diesem Ausstellungsbereich werden drei historische Sammlerpersönlichkeiten vorgestellt: August der Starke, Madame de Pompadour und Rudolf Just, für die der Besitz von Porzellan ganz unterschiedliche, aber immer auch eine lustvolle Bedeutung hatte. Außerdem gibt es mit der Inszenierung einer kompletten Privatsammlung einen Blick „inside the head of a collector“ auf der Grundlage neuer US-amerikanischer Forschung in der Neuropsychologie.

Die Ausstellung „Der edle Akt. Porzellan und Erotik“ wird gefördert von der Kulturstiftung der Länder, dem Niedersächsischen Ministerium für Wissenschaft und Kultur, der Porzellanmanufaktur FÜRSTENBERG, der Niedersächsischen Sparkassenstiftung, der Braunschweigischen Sparkassenstiftung, der Stiftung Niedersachsen, der Braunschweigischen Stiftung, der Renate Ahrens Stiftung, der Stiebel Familienstiftung und dem Freundeskreis Fürstenberger Porzellan e. V. Die Firma Light IT unterstützt die Ausstellung mit innovativen Beleuchtungslösungen.

Die feierliche Eröffnung findet am 27. März um 18 Uhr im Museum Schloss Fürstenberg statt. Der Eintritt zur Vernissage ist frei. Die Sonderausstellung ist anschließend vom 28. März bis zum 1. November 2026 zu sehen. Begleitet wird sie von einem umfangreichen Rahmenprogramm mit Aufführungen, Lesungen, Konzerten, einem queeren Poetry Slam und weiteren Formaten. Damit steht die gesamte Museumssaison 2026 im Zeichen der Ausstellung und eröffnet immer wieder neue, spannende Perspektiven auf das Thema.

Mehr Infos: www.fuerstenberg-schloss.com.

north