Dr. Peter Jochem, geistlicher Rektor in Hardehausen, lässt keinen Zweifel daran: „Das Licht des Evangeliums leuchtet.“ Und kann auch heute noch so mobilisierend wirken wie bei Ansgar – dem Missionar, der vor 1200 Jahren mutig und von Gott gesendet aufbrach und die Hoffnungsbotschaft in den Norden Europas brachte.
Am Ausgangspunkt seiner Missionsreisen – dem heutigen Welterbe Corvey – hat das Lebenswerk des Heiligen anlässlich seines Gedenktages Christen unterschiedlicher Konfessionen zur traditionellen feierlichen Ansgar-Vesper zusammengeführt. Dr. Peter Jochem hielt vor vollbesetzten Kirchenbänken eine leidenschaftliche, im besten Sinne aufrüttelnde Festpredigt. Ausgehend von Ansgar und dessen unerschütterlichem Sendungsbewusstsein brachte er gemeinsam mit den um den Altar versammelten Geistlichen und Ordenschristen verschiedener Konfessionen die Kraft des ökumenischen Gebets zur Entfaltung.
Aus welcher Quelle der als Apostel des Nordens verehrte erste Erzbischof von Hamburg und Bremen seinen Mut zum Aufbruch ins Ungewisse schöpfte, führte der Festprediger aus Hardehausen eindrücklich vor Augen. Die Benediktsregel war der Kompass, nach dem Ansgar sein Leben ausrichtete und der ihn 823 zunächst beflügelte, aus der sicheren Benediktinerabtei Corbie ins damals noch unsichere Corvey zu gehen. Um dann von dort aus sehr bald nach Norden zu ziehen, von wo man wusste, dass Wikingerangriffe allerorten Tod und Verwüstung bringen.
Vor genau 1200 Jahren - 826 - war Ansgar zu seiner ersten Missionsreise aufgebrochen. Weder vor Unbilden noch vor Unsicherheiten schreckte er zurück. Denn er ließ den Dreiklang der Benediktsregel in all seiner „schöpferischen und bejahenden Kraft“ in sein Herz. Ora et labora et lege (bete und arbeite und lies): „Davon war Ansgar erfüllt“, sagt Peter Jochem. Und zwar im eigentlichen, tiefen Sinne dieses Dreiklangs, nach dem das Gebet in erster Linie Lobpreis sei und die Liturgie die Zuwendung Gottes zu seinem Volk vergegenwärtige. Das Arbeiten sei nicht der schlichte Broterwerb, sondern eine Teilhabe am Schöpfungswerk Gottes. Mit dem Lesen schließlich meine der Ordensgründer Benedikt von Nursia das Meditieren, also Verinnerlichen der Heiligen Schrift. Wer sich meditierend in die Schrift vertiefe, so Peter Jochem, finde darin die Deutungshoheit für sein eigenes Leben – nämlich Gott selbst, der in uns aufleuchten lasse, „wie er uns immer wieder neu auf Wege schickt, die er mit uns gehen will“.
Das tue er auch jetzt – in einer Zeit zunehmender Entchristlichung und in einer Gesellschaft, für die Dr. Jochem zu Beginn seiner Predigt anhand eines Zitats von Antoine de Saint-Exupéry (1904-1944) aus den 1930-er Jahren ein schonungslos düsteres Bild zeichnete: „Wenn die Menschen gottlos werden, sind Regierungen ratlos, Lügen grenzenlos, Schulden zahllos, Besprechungen ergebnislos, dann ist Aufklärung hirnlos, Politiker charakterlos, Christen gebetslos, Kirchen kraftlos, Völker friedlos, Sitten zügellos, Verbrechen maßlos, Konferenzen endlos und Aussichten trostlos.“
In der Tat seien die Kirchen hierzulande kraftlos. „Wir sind recht saturiert unterwegs.“ Geld sei noch genug da, nur die Gläubigen würden weniger.
In dieser Ausgangslage stellte der Festprediger den Menschen Vorbilder wie Ansgar und auch Abraham zur Seite, der auf Geheiß Gottes ins Land Kanaan, also auch ins Ungewisse, aufbrach (Genesis 12). Beide bauten am Ziel ihrer Reisen zuallererst einen Altar: Abraham in Kanaan und Ansgar unter anderem in der Hammaburg, der Ursprungssiedlung Hamburgs. Der Altar stehe für die Kontinuität, dass Menschen dort, wo sie sich zum Lobpreis Gottes zusammenfinden, Erfüllung finden. Und zum Segen werden.
In den Kirchen des Nordens, wo Ansgar das Christentum implementierte, seien in diesem Sinne zurzeit Aufbrüche und neue Bewegungen spürbar. Das Licht des Evangeliums leuchte und strahle auch nach hierhin aus. „Wenn wir im Sinne des Dreiklangs der Benediktsregel beten, arbeiten und meditieren, stellen wir fest: Dieser Gott ist treu.“ Das gebe Mut und Zuversicht. Und mobilisiere uns genauso wie Ansgar.
Auch sinkende Gläubigen-Zahlen sind für den Festprediger kein Grund, aufzugeben. Ganz im Gegenteil: „Es reichen wenige Körner Salz, um eine Suppe schmackhaft zu machen“, griff er das Evangelium des Sonntags der Ansgar-Vesper („Ihr seid das Salz der Erde“) auf.
Daher kann vom Motto des Wortgottesdienstes, „Aufbruch ins Ungewisse – Was die Kirche heute vom heiligen Ansgar lernen kann“, ein Ruck ausgehen. Zumal Christus den Verkündigungsauftrag, den Ansgar so mutig und erfolgreich erfüllte, jedem und jeder Getauften ins Stammbuch geschrieben hat. Frisch auf also.
Zur Aufbruchsstimmung in ökumenischer Geschwisterlichkeit trugen auch die Gregorianik-Schola Marienmünster-Corvey unter der Leitung von Hans Hermann Jansen, Domorganist Dominik Balduin und Pastor Frank Grunze bei. Er hatte den Gottesdienst vorbereitet und lud die Gemeinde ein, eigene Fürbitten zu formulieren. Von den Geistlichen am Altar vorgelesen, umspannten die Fürbitten das Gebet für Frieden, Gerechtigkeit, Toleranz, das Ende von Kriegen, Unterdrückung und Gewalt sowie die Bitte um Gottes Beistand auch für Trauernde, Kranke, Menschen in Not. Die Jugendlichen, die demnächst in Corvey das Sakrament der Firmung empfangen, waren ebenfalls in das große gemeinschaftliche Gebet eingeschlossen.
Die festliche Stunde bestärkte die Menschen letztendlich in dem, was Pfarrdechant Dr. Hans-Bernd Krismanek am Schluss formulierte: Der Wortgottesdienst habe deutlich gemacht, dass es sich lohne, die Botschaft der bedingungslosen Liebe Gottes zu allen Menschen weiterzutragen. Christiane Nadjé-Wirth, Superintendentin des Kirchenkreises Holzminden-Bodenwerder, brachte in den Schlusssegen ein Anliegen: Das Beispiel Ansgars möge uns lehren, mutig und offen auch Wege der Veränderung zu gehen.