Manchmal braucht es gar nicht viel Zeit, um aufzutanken. Ein Viertelstündchen kann reichen. Länger dauert es auch nicht, das Mittagsgebet in Corvey. Jeden Mittwoch um 12 lädt es in der Saison dazu ein, das Tagewerk kurz zu unterbrechen und aus dem Innehalten vor Gott Kraft zu schöpfen.
Angelehnt an das monastische Stundengebet, knüpft das Atemholen inmitten barocker Pracht an eine fast 1000-jährige Tradition an. So lange war die Welterbestätte am Weserbogen bei Höxter ein Kloster. Mit dem Mittagsgebet kehrt daher ein Stück benediktinisches Leben an einen Ort zurück, von dem aus die Ordensgemeinschaft mit ihrem segensreichen missionarischen Wirken über Jahrhunderte hinweg Land und Leute geprägt hat.
Baulich haben die Mönche mit dem karolingischen Westwerk und der barocken ehemaligen Abteikirche steinerne Glaubenszeugnisse hinterlassen, die in der Saison von Palmsonntag bis Allerheiligen alljährlich hunderte Gäste, darunter Urlauberinnen und Urlauber, in den Bann ziehen. Beim Mittagsgebet mittwochs um 12 trifft es sich oft so, dass zufällig gerade Touristen die Kirche besichtigen. Wenn sie die Gelegenheit zum Innehalten nutzen und in der Bank Platz nehmen, erleben sie den kulturhistorisch sehenswerten Sakralort in seiner ursprünglichen Bestimmung als Gotteshaus.
Das ist es, was die acht Ehrenamtlichen mit ihrem liturgischen Angebot erreichen möchten. „Corvey ist eine lebendige Pfarrkirche.“ Als solche möchten die Vorbeter das Gotteshaus auch in einer Reminiszenz an seine klösterliche Tradition erlebbar machen.
Für die Saison 2026 hat Rudolf Zimmermann jetzt den Anfang gemacht. Er erinnerte an den zentralen Gleichklang der Benediktsregel, Ora et labora (Bete und arbeite). Im Sinne dieses Leitsatzes rief die Glocke auch die Corveyer Mönche zu den sieben Gebetszeiten eines Tages. Eine davon ist die am Mittag: Wenn die Sonne am höchsten steht, unterbrachen die Ordensmänner am Weserbogen ihr Tagewerk.
Deren Stimmen seien zwar inzwischen verstummt, sagte Rudolf Zimmermann beim ersten Mittagsgebet der Saison. „Ihr Gebet hallt in diesen Mauern aber weiter.“ Und die Begegnung mit Gott erfrische auch heute noch Herz und Seele vieler Menschen.
Diesen Eindruck haben die ehrenamtlichen Vorbeter, wenn sie mit Teilnehmenden nach dem Mittagsgebet ins Gespräch kommen. Manchmal beten zehn oder 20 Corvey-Gäste mit, manchmal sind es nur drei. Viele suchen das Gespräch, nachdem Psalmen, Musik und Segenswünsche sie haben zur Ruhe kommen lassen. „Die Gäste kommen gerne auf uns zu“, sagt Conrad Gerdemann.
Die Vorbeter nehmen sich für diesen Gedankenaustausch immer ganz bewusst Zeit. Weil es guttut, zu reden. Franz Fromme aus Lüchtringen erinnert sich an eine Begegnung mit einem Gast. Dieser lebte ein Jahr lang in Trauer. Gottes Wort hatte ihn jetzt beim Mittagsgebet im Innersten berührt. „Wir haben eine ganze Zeit lang über die Trauer, aber auch über Hoffnung gesprochen.“
Nicht nur traurige, sondern auch glückliche Lebenssituationen möchten die Gäste nach dem Gebet gerne teilen. So wie das Ehepaar, das auf Vorbeter Erwin Winkler zuging. Die beiden erzählten ihm freudestrahlend, dass sie sich in Höxter kennengelernt hatten und jetzt zum Hochzeitstag Corvey besuchten. Welch glückliche Fügung, dass das Mittagsgebet sie nun einlud, ihre Freude vor Gott zu bringen. Aus Hildesheim saßen an einem Mittwoch „Benediktiner in Zivil“, so Erwin Winkler, in der Bank. Aufgefallen sind sie ihm, weil sie die Psalmen auswendig mitgesungen haben.
Diese Textsicherheit ist natürlich nicht selbstverständlich. Daher liegen zum Mitbeten und -singen immer Flyer bereit.
Kirchlich gebunden sind längst nicht alle Gäste. Trotzdem öffnet diese Viertelstunde, verbunden mit der besonderen Aura des Ortes, die Herzen.
In der Gestaltung setzen die Vorbeter trotz des Gerüsts aus Psalmen, Gebeten, kurzer Schriftlesung und Fürbitten unterschiedliche Akzente. Thomas Schöning beispielsweise verbindet den bekanntesten aller Psalmen, „Der Herr ist mein Hirte“ (Psalm 23), gern mit Udo Lindenbergs Ballade „Durch die schweren Zeiten“. Die Kernaussagen sind kompatibel.
Was die acht Vorbeter – Klaus Ewers, Conrad Gerdemann (beide Höxter), Franz Fromme, Klaus Missing, Erwin Winkler (Lüchtringen), Johannes Wöstefeld (Lütmarsen), Thomas Schöning und Rudolf Zimmermann (Höxter) – verbindet, ist ein gutes Gefühl. Das hinterlässt das Mittagsgebet auch immer bei ihnen. Klaus Missing sagt, dass er seit einem Jahr dabei ist und an sich festgestellt hat: „Ich gehe zufrieden raus.“ So wie er es bei den Gästen erlebt.
Eine Viertelstunde der Hektik und Vielstimmigkeit entfliehen und kurz Ruhe finden – das kann eine Kraftquelle sein. Auch für den Arbeitsalltag. Deshalb empfiehlt die Kirchengemeinde St. Stephanus und Vitus das Mittagsgebet in Corvey auch für Einheimische. Vielleicht nehmen sie sich bis Ende Oktober an einem Mittwoch um 12 einfach mal Zeit für dieses wohltuende kurze Innehalten.
Die Möglichkeit dazu besteht seit 2017. Pfarrdechant Dr. Hans-Bernd Krismanek hatte die Idee aus Domkirchen wie Hildesheim mitgebracht. Dem Kreis der ehrenamtlichen Vorbeter in Corvey haben lange auch Frauen angehört. „Auch jetzt sind Frauen wieder jederzeit herzlich willkommen“, signalisieren die Acht. Wer die Mittagsgebete mitgestalten möchte, kann sich unter 05271/2414 an Pfarrdechant Krismanek wenden.