Es geht um mehr als das Gedenken | OWZ zum Sonntag

Veröffentlicht am 21.01.2026 09:14

Es geht um mehr als das Gedenken

Kranzniederlegung am Holocaust-Mahnmal in Auschwitz-Birkenau. (Foto: privat)
Kranzniederlegung am Holocaust-Mahnmal in Auschwitz-Birkenau. (Foto: privat)
Kranzniederlegung am Holocaust-Mahnmal in Auschwitz-Birkenau. (Foto: privat)
Kranzniederlegung am Holocaust-Mahnmal in Auschwitz-Birkenau. (Foto: privat)
Kranzniederlegung am Holocaust-Mahnmal in Auschwitz-Birkenau. (Foto: privat)

„Ich wünsche mir, dass Sie so etwas niemals erleben müssen“, richtet Niusia Horowitz ihre finalen Worte an die Zuhörerinnen und Zuhörer im Kinosaal des Schindler-Museums in Krakau. Sie kommen nicht aus ihrem eigenen Mund, sondern werden von ihrer Dolmetscherin für die Reisegruppe der St. Johannes-Schützenbruderschaft Holzhausen ins Deutsche übersetzt. Horowitz spricht polnisch. Sie berichtet über das, was sie gesehen und erlebt hat. Als Mitarbeiterin in der Emaillefabrik von Oskar Schindler überlebte sie den Zweiten Weltkrieg und die Shoa. Einst entging sie zweimal nur knapp der Gaskammer. Heute ist sie die letzte Überlebende der sogenannten „Schindler-Liste“ in Polen. „Ein solches Unrecht darf nie wieder geschehen!“, so die 93-Jährige. Am 27. Januar 1945 befreiten sowjetische Soldaten die Konzentrations- und Vernichtungslager um Auschwitz, deshalb begehen wir heute am 27. Januar den Holocaust-Gedenktag. Doch es geht heute – 81 Jahre später – um mehr als Gedenken, wie es der Historiker Norbert Frei formuliert.

Das Zeitzeugengespräch der Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Gedenkstättenfahrt findet an einem kühlen Samstagnachmittag im Oktober 2025 statt. Es ist der Abschluss einer erlebnis- und lehrreichen Woche, die bereits am Dienstagabend, 30.09.2025, mit der Fahrt nach Polen begonnen hat. Zu den Teilnehmenden gehören in erster Linie Holzhauserinnen und Holzhauser. In Absprache mit dem Gymnasium St. Xaver in Bad Driburg und der Gesamtschule Brakel haben sich darüber hinaus zahlreiche Schülerinnen und Schüler angemeldet. Lennart Schlütz, Organisator der Fahrt, freut sich über eine starke Resonanz: Insgesamt nehmen 38 Interessierte an der Gedenkstättenfahrt teil.

„Für mich ist besonders die Mischung der Gruppe eine große Chance, zwischen den jüngsten und ältesten Mitfahrenden liegen beinahe 55 Jahre“, so der 21-Jährige Schlütz. Die Idee sei ihm bereits vor zwei Jahren gekommen, nachdem er sich näher mit Auschwitz und den Verbrechen der Nationalsozialisten in den besetzten Ostgebieten auseinandersetzte. „Wohl beinahe jeder hat schon einmal darüber nachgedacht, Auschwitz zu besichtigen“, so Schlütz, „aber alleine oder privat organisiert kann die Distanz und der Aufwand schon abschreckend wirken“. Mit der Schützenbruderschaft im Rücken, sei aber nicht nur die Nutzung eines Reisebusses möglich geworden, sondern auch der Zugriff auf Landeszuwendungen. Im Januar 2025 reicht er den Förderantrag beim Landesverband Westfalen-Lippe ein. Die Bewilligung folgt im Mai. „Ohne den Kinder- und Jugendförderungsplan des LWL wäre diese Gedenkstättenfahrt nicht möglich gewesen“, resümiert der Holzhauser. Beinahe 17.000 Euro erhält die Schützenbruderschaft für die Durchführung.

Das Programm für die Mitfahrenden ist eng getaktet: In den Tagen in Krakau und Auschwitz besuchen sie nicht nur die Gedenkstätten von Auschwitz, sondern auch das historische und gegenwärtige Krakau und erhalten einen Workshop im nichtöffentlichen Kunstarchiv von Auschwitz durch den dort forschenden Dozenten. „Zahlen, Fakten und verlassene Gebäude reichen nicht aus, um zu vermitteln, was der Holocaust war“, sagt Schlütz. Die Kunst eröffne einen anderen, persönlicheren Zugang. In einem unscheinbaren Franziskanerkloster wenige Kilometer südwestlich vom Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau besichtigen sie eine Kunstaustellung von Marian Kołodziej. Er überlebte das Konzentrationslager Auschwitz, in dem er nicht Marian Kołodziej hieß, sondern Gefangener Nr. 432. Über Zwei-Drittel seines Lebens verliert er kein Wort über jene Jahre inmitten des industriellen Mordens. Nach einem Schlaganfall wird ihm die Vergänglichkeit des Lebens vor Auge geführt. Er beginnt zu zeichnen, um seine Erinnerungen für die nachfolgenden Generationen zu erhalten. Er ist einem Sonderkommando eines Krematoriums zugeordnet und muss die Leichen im Lager in Kisten verladen und zu den Verbrennungsöfen bringen. „Diese Bilder sind es, die eine emotionale Betroffenheit auslösen“, so Schlütz. Dieses Gefühl könne man nicht vermitteln, nicht in Sätzen aufwiegen. Gerade das sei das besondere an einer Gedenkstättenfahrt: Man spüre die Kälte in den Barracken, den Hauch des Todes an der Erschießungswand neben Block Nr. 16 im Stammlager von Auschwitz. Man fühle diese schier endlosen Weiten des Vernichtungslagers.

Heute steht fest, dass aus ganz Europa bis zu 1,5 Millionen Menschen, darunter 1,1 Millionen Jüdinnen und Juden, nach Auschwitz deportiert wurden. Die meisten mussten sich nach ihrer Ankunft auf der „Rampe“ und der Selektion durch SS-Ärzte direkt auf die sogenannte „Todesstraße“ begeben. Ein befestigter Weg, der parallel zu den Bahnschienen vom bekannten Haupttor weg in Richtung Wald führte. Am Ende der Schienen befanden sich die Gaskammern und Krematorien. Beinahe eine Million Jüdinnen und Juden kehrten von dort nicht mehr zurück. Niusia Horowitz ging zweimal auf diesem Weg, zweimal gelang es ihrer Mutter, die Aufseherin zu bestechen und so das Leben der damals 12-Jährigen zu retten. Heute findet sich am Ende der Bahnschienen ein Mahnmal.

Unter den fast eine Million allein in Auschwitz ermordeten Jüdinnen und Juden befanden sich auch Nieheimerinnen und Nieheimer, deren genaue Anzahl und Identität nur noch schwer auszumachen sind. In Gedenken an sie legte Bürgermeister Johannes Schlütz einen Kranz am Mahnmal in Auschwitz-Birkenau nieder.

„Wer ein Leben rettet, rettet die ganze Welt“, lautet die Gravur auf dem Ring, den Oskar Schindler am Ende des Krieges von den 1.100 von ihm geretteten Jüdinnen und Juden erhält. „Diesem Mann verdanken ich und meine gesamte Familie das Leben“, sagt Niusia Horowitz. Am 27. Januar geht es um mehr, als das Gedenken. Es geht um historisches Wissen und historische Urteilskraft. Es geht darum, die Erinnerung an Auschwitz und alle Orte des Holocaust auch 81 Jahre später nicht jenen zu überlassen, die zu verdrängen und zu vergessen versuchen.

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